Melk – Tulln
Etappe 5 – 83,0 km
Die Königsetappe stand an! Entsprechend hatten wir den Wecker auf 6:45 Uhr gestellt und saßen diesmal schon komplett in Fahrradklamotten am Frühstückstisch des Hotels.

Direkt zu Beginn wartete das steilste Stück des gesamten Urlaubs auf uns: mit 18 % Steigung ging es die Brücke hinter Melk hoch. Kein Wunder, dass Fähren meistens der bequemere Weg sind, um das Ufer zu wechseln. Danach ging es hinein in die Wachau – laut jedem Reiseführer der absolute Höhepunkt der Reise.
Auf den ersten Kilometern war das allerdings erst einmal etwas enttäuschend, weil eine Autostraße zwischen dem Radweg und der Donau verlief. Dafür hatten wir mit dem Wetter genau das richtige Los gezogen: Nach einem moderaten Temperatursturz hatte sich rechtzeitig auch die Windrichtung wieder gedreht. Selbst die dunklen Regenwolken, die uns zunächst verfolgten, zogen später während einer Vesperpause wie durch ein Wunder einfach rechts an uns vorbei.


Schon bald wurde auch die Strecke deutlich interessanter. Zuerst lag der historisch wertvolle Fundort der Venus von Willendorf fast direkt am Radweg. Anscheinend wussten die Menschen schon vor 30.000 Jahren Hanglagen mit schöner Aussicht zu schätzen.


Anschließend führte die Route nacheinander durch wunderschöne alte Orte: Spitz, Weißenkirchen und Dürnstein. Speziell Letzteres – wo wir eine etwas längere Pause einlegten – braucht sich vor französischen Cités Médiévales keineswegs zu verstecken.


Heute zeigte sich allerdings auch eine gewisse Diskrepanz zwischen der sportlichen Herausforderung dieser Tagesetappe und dem touristischen Angebot vor Ort: Zeit für den Aufstieg zu irgendwelchen Aussichtspunkten war schlicht nicht drin. Und weil wir uns morgens bereits Vesper gerichtet hatten, ließen wir die vielen Schilder, die für selbstgemachten Marillenschnaps oder frische Marillenknödel warben, schweren Herzens links liegen.

Ich würde zwar nicht sagen, dass wir durch die Wachau gerast sind – wir haben die Ortsdurchfahrten durchaus genossen, zumindest so weit man Kopfsteinpflaster auf dem Fahrrad eben genießen kann. Aber recht zügig durchgefahren sind wir dann halt doch.


Selbst in Krems, der größeren Stadt am östlichen Ende der Wachau, legten wir vor allem deshalb einen kleinen Einkaufs-Umweg ein, um unseren Getränkevorrat aufzufüllen. Krems wäre auch die Stelle gewesen, an der wir im Notfall das Reststück dieser längsten Etappe mit dem Regionalzug hätten abkürzen können. Da wir aber schon um halb zwei dort waren, war bereits klar, dass wir zeitlich keine Probleme bekommen würden, unser Tagesziel aus eigener Kraft zu erreichen.

Nichtsdestotrotz hatten wir hier erst die Hälfte der Strecke hinter uns. Nach Krems dauerte es etwas, bis wir die Donau wiedersahen, und dann folgte erneut ein längeres Stück auf dem Deich – diesmal glücklicherweise mit etwas Rückenwind. 20 Kilometer vor dem Ziel wechselten wir wieder auf die Südseite des Flusses. Der Rest der Strecke war nun irgendwie kurvig verwinkelt. (Man erwartet hoffentlich nicht ernsthaft, dass ich mich an jeden einzelnen Kilometer detailliert erinnere.) Am Ende war es dann ein Stück weit Fahren in Trance, bei dem einem vor allem der Hintern wehtat.

Nach 83 Kilometern erreichten wir gegen halb fünf das Junge Hotel Tulln – die einzige Jugendherberge auf unserer Tour. Das Gebäude versprühte einiges an Schulhaus-Flair, nicht zuletzt durch die vielen Aushänge die zu Info-Räumen über FLINTA-WCs, feministische Ökonomie oder gesellschaftliche Ausgrenzung in der Kunst wiesen.

Zur Belohnung für die lange Strecke gingen wir abends dann lecker in einem Brauereigasthof essen.




Beim anschließenden Abendspaziergang gab es am Ufer sogar noch etwas Live-Musik geschenkt.
